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Literatur Rede zum Literaturnobelpreis

„Wenn das Unsagbare ans Licht kommt, ist das politisch“

Korrespondentin in Paris
Kollektiver Sieg: Preisträgerin Annie Ernaux (82) Kollektiver Sieg: Preisträgerin Annie Ernaux (82)
Kollektiver Sieg: Preisträgerin Annie Ernaux (82)
Quelle: via REUTERS
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Diese Rede sah ihr ähnlich: In Stockholm bedankte sich Annie Ernaux mit einem Glaubensbekenntnis zur befreienden Kraft der Literatur für den Nobelpreis. Das Unterschichtskind aus der Normandie hatte dabei das letzte Wort. Auf einen Vorwurf ging Ernaux erwartungsgemäß nicht ein.

„Ich schreibe, um meine Rasse zu rächen.“ Annie Ernaux hat nicht lange suchen müssen, um den Satz zu finden, der in seiner „ganzen Klarheit, seiner lapidaren, unabweisbaren Brutalität“ im Zentrum ihres Lebens, ihres Werkes und deshalb auch ihrer Nobelpreisrede stehen musste, mit der sie sich am Mittwochnachmittag in Stockholm für die höchste literarische Auszeichnung bedankt hat, bevor ihr am Samstag in einer feierlichen Zeremonie der Literaturnobelpreis übergeben wird.

Es war eine Rede, die ihr ähnlich sah, eine unaufgeregte Selbstbefragung, 60 Jahre, nachdem sie sich dieses Versprechen selbst gegeben hatte. Die eigene Rasse rächen? Mit Rasse meint Ernaux – und natürlich der Dichter Arthur Rimbaud, auf den sie sich damals bezog – nicht die anthropologische Kategorie, keine Klassifizierung von Menschen nach Hautfarbe oder Aussehen. Rasse steht bei Ernaux für ihre soziale Klasse, für ihr Geschlecht, für ihre Sippschaft. Sie wollte schreiben, um im Frankreich der Nachkriegszeit die Konditionen einer jungen Frau der Unterschicht zu rächen. Aber es war eine Rache auch für die Mutter, für die Großmütter und Urgroßmütter.

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„Ich bildete mir etwas hochmütig und naiv ein, dass nach einer langen Linie von landlosen Bauern, Arbeitern und kleinen Ladenbesitzern, die für ihr Benehmen, ihren Akzent und ihren Mangel an Kultur verachtet wurden, Bücher zu schreiben und Schriftstellerin zu werden, ausreichen würde, um die soziale Ungerechtigkeit der Geburt zu reparieren.“ Als genüge ein „individueller Sieg“, so Ernaux in Stockholm, um „Jahrhunderte der Domination und Ausbeutung auszulöschen“.

Nein, Bücher können kein Unrecht wiedergutmachen. Und doch ist es Ernaux gelungen, ihr Versprechen einzulösen und aus einer leisen Literatur, aus Innerlichkeit, weiblicher Sexualität, sozialer Benachteiligung und dem unbedeutenden Leben einer Provinzfranzösin etwas Universelles und Allgemeingültiges zu machen. Denn weniger als vom Literaturnobelpreis fühlt sich Ernaux von ihren Leserinnen und Lesern geehrt: Ihr Werk ist in 37 Sprachen übersetzt und auf Französisch erlangten ihre Bücher schon vor der Verkündigung des Literaturnobelpreises Auflagen in Millionenhöhe. Inzwischen sprengt Ernaux alle Rekorde. Ihr Verlag Gallimard musste gerade 900.000 Exemplare von „Erinnerung eines Mädchens“ nachdrucken, dass 2016 im Original unter dem Titel „Mémoire d’une fille“ erschienen ist.

In der Begründung der Stockholmer Akademie heißt es, Ernaux sei für ihren „Mut und die klinische Schärfe“ ausgezeichnet worden, mit der sie die kollektiven Zwänge ihrer Biografie offengelegt hat. Ernaux findet für die Besonderheit ihrer Ausdrucksweise eine andere Begründung. Sie habe sich in ihren ersten drei Romanen in eine Sprache begeben, wie eine innere Migrantin, die nicht die ihre war, sondern die der „kulturell privilegierten“ Schriftsteller und Leser. Eine Erzählperspektive der Dominanz, die sie hinter sich ließ, als sie beschloss, nicht nur über sich, sondern über den eigenen Vater zu schreiben: „Um diesen Blick auf meinen Vater zu vereiteln, der für ihn, das spürte ich deutlich, unerträglich, ja ein Verrat gewesen wäre, habe ich ab meinem vierten Buch einen neutralen, objektiven, platten Stil angenommen, der keine Metaphern und keine Spuren von Gefühl mehr enthielt. Die Gewalt“, so fügte Ernaux hinzu, „war nicht mehr ausgestellt, sie kam aus den Tatsachen selbst, nicht aus der Sprache. Die Worte zu finden, die gleichzeitig die Wirklichkeit enthalten, aber auch die Empfindungen, die die Wirklichkeit auslöst, sollte von diesem Zeitpunkt und bis heute mein beständiges Bemühen beim Schreiben sein.“

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Ernaux hat mit genau dieser nüchternen Ehrlichkeit, die man aus ihren Büchern kennt, Bilanz gezogen und trotz aller Bescheidenheit ihren literarischen Verdienst benannt. Ihre Rede sah ihr ähnlich, weil sie keine steilen Theorien entwickelt und doch in einfachen Worten eine kluge Analyse kultureller Produktion und der feinen Unterschiede beim Schreiben und Lesen vorgelegt hat, als habe sie das Werk des Soziologen Pierre Bourdieu für alle verständlich machen wollen.

Zwischen den Zeilen sprach Ernaux aus, dass sich in diesem Moment der höchsten Ehre, mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Racheschwur, noch immer das Gift des Zweifels, das Gefühl von Minderwertigkeit, die Scham, ja sogar der „Scham über die Scham“ zu Wort melden. Als stünde der Literaturnobelpreis der Frau der Unterschicht, die sie war, nicht zu, als hörte der Kampf, die sozialen Komplexe überwinden und als Frau ihr Recht einklagen zu müssen, nie auf. Der Satz „Ich schreibe, um meine Rasse zu rächen“ ist „eine Art Schlüssel“ zu ihrem Werk. Aber er half Ernaux am Mittwoch auch, ihren „Platz einzunehmen“, „nicht zu zittern“, „nicht geblendet zu sein“ von einem grellen Licht, dass der Literaturnobelpreis auf eine Schriftstellerin wirft, die ihr Schreiben als eine in „Einsamkeit und Zweifel“ praktizierte Suche charakterisiert.

Die 82-jährige Ernaux hat in Stockholm ein Glaubensbekenntnis zur Literatur und ihrer befreienden Kraft abgeliefert, als sie sagte, „aus Glauben wurde Sicherheit, dass ein Buch dazu beitragen kann, das individuelle Leben zu verändern, die Einsamkeit der erlittenen und verscharrten Dinge aufzubrechen und sich anders zu denken. Wenn das Unsagbare ans Licht kommt, ist das politisch.“

Ernaux ist am Mittwoch erwartungsgemäß nicht auf die Vorwürfe des Antisemitismus gegen sie eingegangen. Sie sagte schlicht, dass sie zu einer Generation von Schriftstellern gehöre, für die politisches Engagement und die Beteiligung an sozialen Kämpfen eine Selbstverständlichkeit gewesen seien. Es sei heute aufgrund der Schnelllebigkeit der Welt und der Geschwindigkeit der Bilder eine Verlockung, „zuzumachen“ und sich auf die Kunst zu konzentrieren. Doch angesichts des Krieges in Europa, der Ausbeutung des Planeten durch „gierige Wirtschaftskräfte“, deren Konsequenzen erneut auf den sozial Schwächsten lasteten, sei Schweigen für sie keine Option.

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„Das Licht blendet mich nicht“, so Ernaux, die den Preis, nicht als individuellen Sieg empfindet. „Es ist weder Hochmut noch Bescheidenheit zu denken, dass dieser Sieg in gewisser Weise ein kollektiver ist. Ich teile den Stolz darauf mit all denjenigen, die sich auf ihre Weise mehr Freiheit, mehr Gleichheit, mehr Würde für alle Menschen wünschen, ganz gleich, welchen Geschlechts, welcher Hautfarbe oder welcher Kultur sie sind.“

Ernaux hat mit ihrem Werk und dieser Ehrung ihren Vorfahren, von denen sie ausreichend „Kraft und Wut“ geerbt hat, einen dauerhaften „Platz im Durcheinander der Stimmen“ gegeben. Als „Klassenüberläuferin“, als die sie sich bezeichnet, hat sie die Literatur verändert und zu einem Hort der Emanzipation gemacht. Das Urteil darüber, ob sie ihr Versprechen gehalten hat, will sie dennoch den Millionen und Abermillionen Leserinnen und Lesern überlassen, die in den Erinnerungen aus der französischen Provinz etwas Allgemeingültiges zu lesen vermögen. Als habe das letzte Wort nicht die Literaturnobelpreisträgerin, sondern das Unterschichtskind aus der Normandie. Eine „Rede ohne Gefühl und ohne Seele“ urteilte ein Kritiker des konservativen Figaros, als habe es noch einen weiteren Beleg dafür gebraucht, wie aktuell Ernaux‘ Analyse männlicher Dominanz bis heute ist.

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