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Darum sind Jobs für Menschen mit Behinderung rar

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Unternehmen mit mehr als 20 Mitarbeitenden sind verpflichtet, Menschen mit Behinderung einzustellen. Doch viele ignorieren das trotz Fachkräftemangel und verschenken damit erhebliche Potenziale, wie das „Inklusionsbarometer Arbeit 2022“ der Aktion Mensch zeigt.
Franziska Sgoff ist eine klassische Quereinsteigerin. Nach ihrer Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin arbeitet sie heute als Customer Success Managerin bei Microsoft
Franziska Sgoff ist eine klassische Quereinsteigerin. Nach ihrer Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin arbeitet sie heute als Customer Success Managerin bei Microsoft
Quelle: Aktion Mensch

Franziska Sgoff ist Customer Success Managerin bei Microsoft Deutschland. An ihren Job ist sie durch einen Zufall gekommen. Ein Gespräch mit einer Microsoft-Managerin in der S-Bahn verhalf ihr zu einem Praktikum. Es folgte eine Zeit als Social-Media-Managerin bei einem Start-up und schließlich die Festanstellung bei Microsoft. Der Regelfall ist das nicht. Denn Franziska Sgoff ist von Geburt an blind, und obwohl die Nachfrage nach Fachkräften noch nie so groß war, gehen Bewerberinnen und Bewerber mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt oft leer aus.

Die Corona-Krise hat die Situation für Menschen mit Behinderung am Arbeitsmarkt bis heute schwieriger gemacht, wie das „Inklusionsbarometer Arbeit 2022“ zeigt. In das Barometer, das das Handelsblatt Research Institute im Auftrag der Aktion Mensch veröffentlicht, fließen Ergebnisse einer Umfrage unter Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit Behinderung ein sowie die Ergebnisse einer Umfrage unter Personalverantwortlichen von Unternehmen, die Mitarbeitende mit Behinderung beschäftigen, und die jüngsten statistischen Daten der Bundesagentur für Arbeit (BA) und der Integrationsämter.

Langzeitarbeitslose mit Behinderung haben es schwerer

Diese Daten zeigen, dass die Arbeitslosenzahlen nach Jahren der Krise zwar wieder leicht gesunken sind, doch gleichzeitig hat sich die Situation für Arbeitslose mit Behinderung verschärft. Nahezu die Hälfte von ihnen ist mindestens ein Jahr lang ohne Beschäftigung – das sind über fünf Prozent mehr als 2020. „Deutschland“, das sagt Christina Marx, Sprecherin der Aktion Mensch, „ist von einer Gleichberechtigung auf dem Arbeitsmarkt noch immer weit entfernt.“

Größtes Hindernis auf dem Weg zur Inklusion ist laut Barometer die Personalpolitik der Unternehmen. Etwa 173.000 Firmen in Deutschland sind gesetzlich verpflichtet, mindestens fünf Prozent ihrer Arbeitsplätze an Menschen mit Behinderung zu vergeben. Doch nur 40 Prozent dieser Unternehmen erfüllen diese gesetzliche Quote. Rund 25 Prozent beschäftigen gar keine Menschen mit Behinderung. Sie zahlen stattdessen die volle Höhe der sogenannten Ausgleichsabgabe von 360 Euro pro unbesetztem Arbeitsplatz, um sich von dieser Verpflichtung freizukaufen.

Keine Leistungsunterschiede zwischen Mitarbeitenden mit und ohne Behinderung

Beunruhigend findet das der Präsident des Handelsblatt Research Institutes, Bert Rürup, der bis 2009 Vorsitzender des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, der sogenannten Wirtschaftsweisen, war.

Eine repräsentative Umfrage unter Personalchefs in 500 Unternehmen im Rahmen des Inklusionsbarometers hat zudem ergeben, dass 80 Prozent der Vorgesetzten keine Leistungsunterschiede zwischen Beschäftigten mit und ohne Behinderung wahrgenommen haben.

Man hört ja immer wieder, dass Menschen mit Behinderung Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt haben
Franziska Sgoff, Customer Success Managerin

Die Sprecherin der Aktion Mensch, Christina Marx, ist davon überzeugt, dass nicht nur der Bewerbungsprozess barrierefrei sein sollte, sondern dass bereits aus der Jobbeschreibung Diversität, flexible Arbeitsmodelle, Barrierefreiheit oder Unterstützungsmöglichkeiten deutlich werden sollten. Denn so – das lege eine Studienarbeit der Aktion Mensch nahe – bewerben sich Menschen mit Behinderung sehr viel eher.

Zum anderen empfehle es sich, Integrationsfachdienste, also Dienste, die die Teilhabe von Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt unterstützen, sowie Handwerks-, Industrie- und Handelskammern oder Arbeitsagenturen in den Bewerbungsprozess einzubinden. „Sie können Stellenausschreibungen gezielt an Arbeitssuchende mit Behinderung weiterleiten oder diese direkt empfehlen“, sagt Marx.

Die Digitalisierung als Chance für mehr Inklusion

Auch Franziska Sgoff hatte Zweifel, nach ihrer Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin einen Job zu finden. „Man hört ja immer wieder, dass Menschen mit Behinderung Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt haben“, sagt sie.

Heute ist sie bei Microsoft vor allem für das Thema Barrierefreiheit zuständig. Sie schult Kundinnen und Kunden, aber auch ihre Kolleginnen und Kollegen. So hat sie mit Mitarbeitenden von Microsoft zum Beispiel eine sogenannte „Blind Experience“ gemacht, bei der eine Schreibmaschine mit Blindenschrift ausprobiert werden konnte. „Meine Chefin“, sagt Franziska Sgoff, „sieht in dem Thema Barrierefreiheit einen großen Mehrwert und fördert es.“

Die Entwicklung der Inklusion auf dem Arbeitsmarkt hängt entscheidend von der Beschäftigungsbereitschaft der Unternehmen ab
Bert Rürup, Präsident des Handelsblatt Research Institutes

Um Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber zu ermutigen, Menschen mit Behinderung einzustellen, hat die Aktion Mensch einen Leitfaden veröffentlicht: „10 Gründe, Menschen mit Behinderung zu beschäftigen“. Er soll vor allem kleine und mittelständische Unternehmen über staatliche Fördermöglichkeiten aufklären und ihnen zeigen, wie man Fachkräfte mit Behinderung anspricht.

Denn Menschen mit Behinderung können ihre Talente und ihr Wissen nur einbringen, wenn sie auch die Möglichkeit dazu bekommen. Dabei kann, so ist sich Franziska Sgoff sicher, vor allem die Digitalisierung helfen.

Flexibilität, mobiles Arbeiten oder auch die digitale Barrierefreiheit – die Corona-Pandemie hat in Sachen Digitalisierung der Arbeitswelt einiges verändert und ist damit ein potenzieller Treiber für mehr Inklusion, für mehr Teilhabe von Menschen mit Behinderung. Diese Chance, so Christina Marx, sollte nun unbedingt aktiv ergriffen werden. Denn: „Ohne einen Paradigmenwechsel wird sich wirklicher Fortschritt kaum abzeichnen.“

Menschen mit Behinderung rutschen leichter in die Langzeitarbeitslosigkeit

„Die Entwicklung der Inklusion auf dem Arbeitsmarkt hängt entscheidend von der Beschäftigungsbereitschaft der Unternehmen ab“, sagt auch Bert Rürup. Doch obwohl sich die Personalengpässe weiter verschärft hätten, ignorierten viele Unternehmen das Potenzial von Beschäftigten mit Behinderung.

Dabei bewähren sich die meisten, sind sie erst mal auf dem ersten Arbeitsmarkt angekommen. Auch das zeigt das Inklusionsbarometer: Bestehende Arbeitsverhältnisse haben sich als weitgehend stabil erwiesen. 2021 gab es nur 19.746 Anträge auf Kündigung – so wenige wie noch nie, seitdem das Inklusionsbarometer 2013 zum ersten Mal veröffentlicht worden ist. Die Gesamtzahl der Erwerbstätigen mit Behinderung ist seither gestiegen. Die Corona-Krise hat diesen Trend 2020 gestoppt. Jetzt geht es wieder leicht bergauf. Nach einer Statistik der Bundesagentur für Arbeit waren 2021 über eine Million Menschen mit Behinderung sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Die Arbeitslosenquote der Menschen mit Behinderung sinkt also wieder, aber längst nicht so stark wie die der Menschen ohne Behinderung.

Ohne eine drastische Verstärkung der Inklusionsbemühungen wird die Ungleichheit auf dem Arbeitsmarkt in den kommenden Jahren kaum aufzuheben sein
Christina Marx, Sprecherin der Aktion Mensch

Richtig schwierig wird es für Menschen mit Behinderung, wenn sie erst einmal arbeitslos geworden sind. Nach der Studie gelangen nur drei Prozent innerhalb eines Monats der Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt. Zum Vergleich: Bei Menschen ohne Behinderung waren es sieben Prozent. Die Rückkehr in den Arbeitsmarkt dauert bei arbeitslosen Menschen mit Behinderung also deutlich länger.

Die Gefahr, langfristig arbeitslos zu sein, ist bei Menschen mit Behinderung mehr als doppelt so groß. 80.000 waren 2021 mindestens ein Jahr ohne Arbeit – das sind 47 Prozent aller arbeitslosen Menschen mit Behinderung. Ein alarmierender Trend, sagt Christina Marx, Sprecherin der Aktion Mensch. „Ohne eine drastische Verstärkung der Inklusionsbemühungen wird die Ungleichheit auf dem Arbeitsmarkt in den kommenden Jahren kaum aufzuheben sein.“