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Städtereisen Herzberg am Harz

Hier spricht man Esperanto – zumindest ein bisschen

Herzberg am Harz ist seit 2006 offiziell „Esperanto-Stadt“. Unsere Autorin hat sich vor Ort zwischen Esperanto-Café und Rathaus umgehört, um herauszufinden, wie weit man mit der Kunstsprache kommt, und was ihr Vorteil gegenüber Englisch sein soll.
Niedersachsen: 13.000 Einwohner hat die Stadt Herzberg am Harz, die gut 36 Kilometer nordöstlich von Göttingen liegt Niedersachsen: 13.000 Einwohner hat die Stadt Herzberg am Harz, die gut 36 Kilometer nordöstlich von Göttingen liegt
13.000 Einwohner hat die niedersächsische Stadt Herzberg am Harz, die gut 36 Kilometer nordöstlich von Göttingen liegt
Quelle: pa/Uwe Gerig

„Bonvenon al Herzberg, la Esperanto-urbo!“, steht da als Begrüßung auf dem Bahnhofsschild und darunter auch gleich die Übersetzung: „Herzlich willkommen in Herzberg, der Esperanto-Stadt“.

Esperanto als Weltsprache, da war doch mal was? Der Traum, dass alle Menschen dieselbe Sprache sprechen, ist vermutlich so alt wie die Menschheit selbst. Schließlich gab es seit der babylonischen Sprachverwirrung schon viele Versuche, weltweit eine einfach zu lernende Sprache durchzusetzen.

Vor mehr als 130 Jahren hatte der polnisch-jüdische Augenarzt Ludwik Lejzer Zamenhof die künstliche Plansprache Esperanto erfunden und sie obendrein mit einem moralischen Anspruch verbunden, wonach Kriege bald ein Ende hätten, sobald sich alle Welt nur gleichberechtigt verständigen könne. Heute ist der Traum vom Weltfrieden längst tot, doch Esperanto lebt.

Herzberg am Harz hat eine lange Esperanto-Tradition

Halten die meisten Nichtesperantisten die Plansprache lediglich für eine fixe Idee von Hobby-Linguisten im Rentenalter, schätzt der Deutsche Esperanto-Bund, dass weltweit einige Hunderttausend und in Deutschland etwa 2000 Menschen regelmäßig und fließend Esperanto sprechen. Im gut 36 Kilometer nordöstlich von Göttingen gelegenen Herzberg am Harz stimmte der Stadtrat 2006 sogar für den Namenszusatz „Esperanto-Stadt“.

Herzberg am Harz: Am Bahnhof werden ankommende Besucher zweisprachig in der Esperanto-Stadt willkommen geheißen
Am Bahnhof werden ankommende Besucher zweisprachig in der Esperanto-Stadt willkommen geheißen
Quelle: pa/dpa/Swen Pförtner

Um den kosmopolitischen Sprachen-Liebhabern dieses 13.000-Einwohner-Ortes nicht unhöflich gegenüberzutreten, hatte ich noch während der Zuganreise ein paar Redewendungen mittels Internet-Übersetzer einstudiert und sicherheitshalber einen Spickzettel vorbereitet, der nun am Esperanto-Platz zum Einsatz kommt.

„Kiel mi venas al la urbodomo?“ (Wie komme ich zum Rathaus?) will ich von einer jungen Frau mit Kinderwagen wissen. Die sieht mich irritiert an und verschwindet wortlos im Hauseingang. Mit meinem Westentaschen-Esperanto bin ich also schon beim ersten Versuch kläglich gescheitert, aber zum Glück sind Herzbergs Beschilderungen zweisprachig. So finde ich schnell zum Amtssitz von Bürgermeister Christopher Wagner (SPD), der vielleicht mehr über den Ursprung der hiesigen Sprachpräferenz weiß.

Herzberg am Harz: Peter Zilvar, Vorsitzender der Esperanto-Gesellschaft Südharz, neben zweisprachigen Schildern im Ort
Peter Zilvar, Vorsitzender der Esperanto-Gesellschaft Südharz, neben zweisprachigen Schildern im Ort
Quelle: Margit Kohl

„Kial oni povu paroli Esperanton en Herzberg, Sinjoro Wagner?“ (Warum sollte man in Herzberg Esperanto sprechen können, Herr Wagner?) Dem Bürgermeister ist es sichtlich unangenehm, dass er nicht gleich in fließendem Esperanto loslegen kann. Noch nicht ganz so lange im Amt, sei er leider aus Zeitnot bislang nicht über ein paar Redewendungen hinausgekommen, sagt Wagner. Er freue sich aber sehr, dass Esperanto der Stadt Aufmerksamkeit einbringe, sogar die „New York Times“ habe schon darüber berichtet.

Klingt nach cleverem Stadtmarketing, oder? „Weit gefehlt. Herzberg hat eine lange Esperanto-Tradition“, kontert Wagner und erinnert an den örtlichen Esperanto-Pionier Joachim Gießner, der bereits Mitte der 1960er-Jahre als Bahnhofsvorsteher nach Herzberg kam, als der Ort noch Grenzbahnhof zur DDR war. Für die Güterabfertigung arbeiteten damals einige hundert Beschäftigte, die Esperanto-Fan Gießner fleißig unterrichtete.

In der Bücherei gibt es über 3000 Werke auf Esperanto

„Nicht alle im Ort sprechen Esperanto, aber es ist überall präsent“, sagt Wagner und empfiehlt einen Abstecher in die Stadtbücherei mit mehr als 3000 Esperanto-Büchern. Dort beherrscht Bibliothekarin Rosi Matwijow fließend Esperanto, hat sie doch auf meine Frage „Kioma hora estas, mi petas?“ (Wie spät ist es, bitte?) energisch auf ihre Armbanduhr getippt und einen Wortschwall folgen lassen, der mich etwas ratlos zurückließ.

Herzberg am Harz: Zu den Werken auf Esperanto in der Stadtbücherei gehören auch Struwwelpeter („Hirthara Petro“) sowie Max und Moritz („Maks kaj Morits“)
Zu den Büchern auf Esperanto in der Bibliothek gehören auch Struwwelpeter („Hirthara Petro“) sowie Max und Moritz („Maks kaj Morits“)
Quelle: Margit Kohl
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Feierabend habe sie jetzt bald, erklärt sie, und wenn ich noch die Esperanto-Abteilung sehen wolle, sei Eile geboten, weshalb sie gleich die besonderen Schätze aus dem Regal holt: eine Bibel und einen Koran auf Esperanto. Eingängiger zu verstehen sind für Anfänger wie mich illustrierte Bücher wie der Struwwelpeter, der auf Esperanto „Hirthara Petro“ heißt oder Max und Moritz, die zu „Maks kaj Morits“ werden.

Mehr zum Thema Esperanto hat nur noch Peter Zilvar, Vorsitzender der Esperanto-Gesellschaft Südharz, im Esperanto-Zentrum zu bieten, wo sich etwa 15.000 Fachbücher aus aller Welt stapeln. Der 72-Jährige unterrichtet auch an den örtlichen Schulen Esperanto als Wahlfach und wurde bereits als Schüler zum überzeugten Esperantisten, als er im Schreibtisch seines Vaters einen Polyglott-Sprachführer auf Esperanto entdeckte.

Alle 16 Grundregeln der Sprache Esperanto passen auf einen Bierdeckel
Alle 16 Grundregeln der Sprache Esperanto passen auf einen Bierdeckel
Quelle: Margit Kohl

„Mit Englisch als Weltsprache sind Muttersprachler immer im Vorteil. Bei Esperanto ist das gerechter, denn als Zweitsprache müssen das alle erst lernen“, sagt Zilvar und nimmt einen bedruckten Bierdeckel aus dem Regal. „Alle 16 Grundregeln passen da drauf“, sagt er ganz begeistert, schließlich könne man diese einfachste Sprache der Welt in Grundzügen schon in zwei bis drei Wochenendkursen lernen.

Gedenken an den Erfinder Ludwik Lejzer Zamenhof

Dass alle Hauptwörter auf „-o“ enden und es mit „la“ nur einen Artikel gibt, soviel habe ich nach dem Bierdeckelstudium schon mal begriffen. Für ein Abschiedsgetränk schaue ich noch bei Song Jeong-ok und Harald Schicke vorbei, die in der Fußgängerzone ein Esperanto-Café mit Ginseng-Laden betreiben.

Im Café fallen besonders die Speisekarten in 16 Sprachen auf. „Wir hatten schon Gäste aus 51 Ländern“, sagt Frau Song. Regelmäßige Kongresse, Jugendtreffen und Schüleraustausch mit der polnischen Partnerstadt Gora sorgen für internationales Publikum.

Die Lehrerin aus Südkorea und der Heilpraktiker aus Hamburg lernten sich auf einem Esperanto-Kongress in Finnland kennen und zogen bewusst wegen des Namenszusatzes „Esperanto-Stadt“ nach Herzberg. „Hier ist der einzige Platz der Welt, auf dem die Esperanto-Flagge ständig weht“, sagt Schicke.

Im Zentrum von Herzberg am Harz steht ein Denkmal, das an den Esperanto-Gründer Ludwik Lejzer Zamenhof erinnert
Im Zentrum von Herzberg steht ein Denkmal, das an den Esperanto-Gründer Ludwik Lejzer Zamenhof erinnert
Quelle: pa/dpa/Swen Pförtner

Mit grünem Stern als Farbe der Hoffnung flattert sie über dem Zamenhof-Platz, an dem nun Mitte Dezember wieder an den Geburtstag des Esperanto-Erfinders erinnert wird (er kam am 15.12.1859 in Bialystok, heute Polen, zur Welt). „Doktoro Esperanto“ war übrigens dessen Pseudonym, weil Esperanto übersetzt „Hoffender“ bedeutet – und die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Informationen:

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Anreise: Herzberg am Harz ist am schnellsten vom 36 Kilometer entfernten Göttingen aus mit der Bahn oder mit dem Auto über die Bundesstraße 27 zu erreichen.

Auskunft: herzberg.de

Esperanto-Zentrum: esperanto-urbo.de

Esperanto-Café: ginseng-laden.de/Esperanto-Cafe.html

Herzberg am Harz in Niedersachsen
Quelle: Infografik WELT

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