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Gesellschaft Männer im Haushalt

„Ein Staubsauger ist Technik. Ein Staubsauger ist Macht“

Mit dem Haushaltgerät zum Ich: Für manchen gestressten Mann kann das Motorengeräusch etwas Meditatives haben Mit dem Haushaltgerät zum Ich: Für manchen gestressten Mann kann das Motorengeräusch etwas Meditatives haben
Mit dem Haushaltgerät zum Ich: Für manchen gestressten Mann kann das Motorengeräusch etwas Meditatives haben
Quelle: Getty Images/PhotoAlto/Milena Boniek
Hausarbeit bleibt in den meisten Haushalten Frauensache. Doch beim Staubsaugen entwickeln Männer plötzlich Elan. Woran liegt das bloß? Unser Autor ist selbst betroffen und findet überraschende Antworten.

Neulich fragte ich meinen Kumpel Holger, er ist verheiratet und hat zwei kleine Kinder, wie er es mit dem Staubsaugen halte. Er sauge sehr gerne, erwiderte er und setzte aus dem Stand zu einem Vortrag an: „Staubsaugen gibt dir das Gefühl von Sicherheit“, sagte er, wobei sein Tonfall halb ironisch und halb ernst war.

Es gehe schnell und lasse sich in aufrechter Haltung erledigen. Der Staubsauger sei eine Art verlängerte Extremität, man bleibe buchstäblich auf Distanz zum Schmutz. „Du bist der Boss. Der Dominator.“ Der konstante Lärm habe zwar etwas Gewaltvolles, aber auch Meditatives. Wischen dagegen bedeute: auf Knien über den Boden rutschen, den Wischlappen auswringen. „Das“, so mein Kumpel Holger, „empfinde ich fast schon als niederträchtig, gemein, demütigend.“

Ähnlich äußerte sich mein Freund Kilian, er ist ebenfalls verheiratet und hat zwei Kinder, allerdings sind sie schon erwachsen. Wie Holger gebietet er über drei Staubsauger verschiedener Größe und Leistungsstärke, und auch er ist im Haushalt derjenige, der saugt. War Holger in der Lage, eine Philosophie des Staubsaugens aus dem Ärmel zu schütteln, so wurde Kilian schwärmerisch, wenn er über sein Lieblingsmodell sprach: „Leises Motorengeräusch, Rasseln im Saugrohr und das Wirbelgeräusch der rotierenden Bodendüse. Da passt dann alles.“

Männer und Haushaltsführung: Das ist nicht gerade das, was man eine Traumhochzeit nennt. Allen männlichen Emanzipationsbemühungen zum Trotz – fraglos gibt es etliche Herren, die klaglos anpacken – ist häusliche Arbeit immer noch weitgehend Frauensache. Eine im April 2022 veröffentlichte Studie der britischen University of Bath zeigt, dass Frauen selbst dann die Hausarbeit übernehmen, wenn sie mehr verdienen als ihre Partner. Die US-amerikanische Autorin Eve Rodsky schreibt in ihrem 2020 erschienenen Bestseller „Auch Männer können bügeln“, dass die moderne Frau fast dreimal so viel unbezahlte häusliche Arbeit leistet wie ein Mann.

Gleichberechtigung im Haushalt – nur Wunschdenken?

Tja. Doch was das Staubsaugen angeht, wird das vermeintlich starke Geschlecht auf einmal schwach – und macht sich ans Werk. Als ich meinen Schwager, verheiratet, zwei Kinder im jugendlichen Alter, auf das Thema ansprach, schickte er mir als Antwort eine circa einen Meter lange Nachricht aufs Handy. Er hat aus dem Staubsaugen eine Art Wissenschaft gemacht und erklärte im Detail, wie er vorgehe. Dass er zum Beispiel barfuß sauge „und somit bei der Tätigkeit selbst spüre, dass kein Krümel übrig bleibt, wo vorher ein halbes Pausenbrot unter meinen Füßen zusammengekommen ist“.

Gibt es so etwas wie eine Liebe des Mannes zum Staubsaugen? Es sieht ganz danach aus. Und sie scheint mitten ins Herz des Mannseins zu führen. „Ein Staubsauger ist Technik. Ein Staubsauger ist Macht“, sagt der Münchner Konsumpsychologe und Hirnforscher Hans-Georg Häusel.

Eine Waschmaschine ist technisch ebenfalls hoch entwickelt, gleichzeitig aber ist sie unhandlich, immobil und verflixt schwer. Davor zu knien und Knöpfe zu drücken macht nicht viel her. „Geht der Mann dagegen mit dem Staubsauger von Zimmer zu Zimmer, kann er hinterher sagen: Ich habe Großes erledigt.“ Das Polieren von Silberbesteck ist bei Weitem nicht so prestigeträchtig; im Übrigen macht es nicht annähernd so viel eindrucksvollen Krach.

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Häusel sagt, man dürfe nicht den Fehler begehen und Gleichberechtigung mit Gleichheit verwechseln. Die Unterschiede im Konsumverhalten von Männern und Frauen nennt er „dramatisch“. Er spricht von „neurobiologischen Differenzen im Gehirn“ und sagt: „Die Freude an Technik ist typisch männlich. Das ist nicht nur kulturell, sondern auch hormonell geprägt.“ Schließlich zieht er den Schluss: „Von allen Haushaltsgeräten entspricht der Staubsauger dem männlichen Gehirn am besten.“

„Staubsaugen ist das Beste, wofür man sich entscheiden kann. Quasi die Königslösung für den Mann“, sagt Dietmar Blümel, Sales Director beim Wuppertaler Hausgerätehersteller Vorwerk, mit einem Lachen. Er muss nur an die Menge an Arbeiten denken, die zu Hause zu erledigen sind, vom Badewannenreinigen übers Gardinenwaschen bis zum Fensterputzen. Blümel erzählt von einem der neuesten Staubsaugermodelle seines Hauses. Es habe eine „Lufthutze, wie auf der Motorhaube eines Autos“. Die Räder abgedeckt, die Rollen breiter als gewöhnlich. Sozusagen Breitreifen. Tuning für den Staubsauger. „Nach vorne schieben, um die Kurve, zurücksetzen. Staubsaugen ist ja ein bisschen wie Autofahren.“

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Ob mit solchen Details bewusst Männer angesprochen werden sollen? „Wir denken nicht geschlechtsspezifisch“, erwidert Blümel. Dennoch ist es erhellend, die Staubsauger- und die Geschlechterfrage in einem Atemzug zu stellen. Bei Vorwerk arbeiten 2500 selbstständige Beraterinnen und Berater im Staubsaugeraußendienst des Unternehmens (der Begriff „Staubsaugervertreter“ ist aus der Mode gekommen). 70 Prozent von ihnen sind Männer. Gar nicht lange her, da waren es fast 100 Prozent. Sie vereinbaren Termine und kommen in die Wohnungen der Menschen, um die Geräte dort vorzuführen. Früher, sagt Dietmar Blümel, hätten männliche Vertreter ihre Modelle ausschließlich vor Frauen präsentiert. Heute dagegen gebe es immer mehr Männer, die sich die Sauger vorführen ließen. „Jedes zweite Mal ist heute ein Mann dabei.“

Mit diesem Vakuum-Staubsauger muss sich Mann nicht die Finger schmutzig machen
Mit diesem Vakuum-Staubsauger muss sich Mann nicht die Finger schmutzig machen
Quelle: Getty Images/Digital Vision/Photodisc

Intelligente Bodenbelagserkennung. Extralicht zum Ausleuchten von dunklen Ecken, um noch das verborgenste Staubkorn zu erwischen. Saugleistungserhöhung durch „Carpet Boost“. Funkhandgriffsteuerung. 3-D-Smart-Navigation. Von solchen technischen Raffinessen, wie sie heute üblich sind, konnte man nicht mal träumen, als 1876 der erste Staubsauger als Patent angemeldet wurde. Von einem Mann: Melville Reuben Bissell, US-Unternehmer. Das Gerät soll auf einem Pferdewagen montiert gewesen sein, die Luftpumpe musste mit der Hand bedient werden.

Die Staubsauger sind mittlerweile zum Lifestyleobjekt mutiert. Die Modelle der neuesten Generation betören mit LED-Effekten und leuchten in Farben mit Designernamen wie Infinitygrau Pearlfinish mit Roségold. Die technisch anspruchsvollsten Produkte in diesem Segment sind aktuell die Saugroboter. Im Sortiment des Gütersloher Unternehmens Miele findet sich einer „mit HD-Kamera, die hochauflösende Bilder end-to-end verschlüsselt direkt auf das Smartphone überträgt“. Wer solche High-End-Sauger kauft? Nach Angaben des Unternehmens sind es zu 55 Prozent Männer. Bei Vorwerk sind die Geschlechterverhältnisse ähnlich, dort würden Saugroboter gerne von Singles gekauft und besonders gerne von Singlemännern.

Dorthin geht womöglich der Trend: Der Mann lässt saugen und checkt den Erfolg vom Sofa aus auf seinem Handy.

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