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Literatur Verbotene Liebe

Dieser Teufel hat verdammt viel Glück

Literarischer Korrespondent
Tiefer Blick in die Menschenseele: Marilynne Robinson Tiefer Blick in die Menschenseele: Marilynne Robinson
Tiefer Blick in die Menschenseele: Marilynne Robinson
Quelle: Alec Soth/Magnum Photos
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Ein kaputter weißer Typ, der sich selbst für einen bösen Menschen hält. Eine fromme schwarze Frau, die ihn trotzdem liebt. Marilynne Robinson erzählt in „Jack“ von einer unmöglichen Beziehung in Zeiten der Rassentrennung in den USA.

Alle kennen Jack. Auch die, die ihm zum ersten Mal begegnen. Es ist einer, bei dem man sofort weiß, mit wem man es zu tun hat. Mit einem Verlierer, einem Trinker, einem zwanghaften Lügner, mit einer treulosen Seele, charmant, belesen und bösartig. Mit einem, der das Unglück magisch anzieht und der alle, die sich mit ihm einlassen, mit in den Abgrund zieht.

Sein Vater, ein aufrechter Geistlicher aus der kleinen Stadt Gilead im Mittleren Westen, verzweifelt darüber, dass sein Sohn ein verlorener ist, und hofft doch, dass er irgendwann als Geläuterter heimkehrt. Auch Jack kennt sich selbst nur zu gut: Er stellt sich schelmisch als „Fürst der Finsternis“ vor und meint es bitterernst.

Verlorene Seele

Auch die Leser kennen Jack, die vielen erschütterten, begeisterten Leser von Marilynne Robinson jedenfalls. Jack ist so etwas wie das Schwarze Loch der kleinen, gottesfürchtigen, familiären Welt von Gilead, von der die 1943 geborene Schriftstellerin in ihrer Trilogie („Gilead“, „Zuhause“, „Lila“) aus verschiedenen Perspektiven erzählt hat. Der von Kindheit an Possen reißende, üble Streiche spielende, andere in Wut und Verzweiflung stürzende Jack verkörpert in diesem Mikrokosmos der Kriegs- und Nachkriegszeit das mephistophelische Prinzip, den „Geist, der stets verneint“, wie es in Goethes „Faust“ heißt, eine verlorene Seele, um deren Rettung sich alle – Vater, Taufpate, Bruder, Schwester – vergebens bemühen.

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All das also ist schon im Hinterkopf, wenn nun ein ganzer Roman von Jack und seiner Liebe zu Della erzählt, einer jungen, klugen, frommen Schwarzen. Es ist eine von Staats wegen geächtete Liebe im Amerika um 1950, als Rassentrennung herrscht, sogenannte Mischehen verboten sind (das epochale Supreme-Court-Urteil „Loving versus Virginia“ wird erst 1967 ergehen) und sich jeder missgünstige Hausmeister als Erpresser aufspielen kann, indem er droht, die heimlich Liebenden zu verraten.

Als sich Jack und Della in St. Louis zufällig begegnen, ist er gerade aus dem Gefängnis entlassen worden, ist mittel-, arbeits- und haltlos, sodass auch Della sich keinen Illusionen über ihn hingeben kann. Schon beim ersten Dinner in einem schäbigen Restaurant lässt er sie mit der Rechnung sitzen, weil er vor alten Gläubigern fliehen muss. Das entscheidende Treffen findet nachts auf einem zugigen Friedhof statt, zwischen kalten Grabplatten und starren Engeln, stets auf der Hut vor dem Nachtwächter.

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Mit dieser Urszene einer unmöglichen Liebe beginnt der Roman: Ihre Gesetze sind nicht von dieser Welt, beide begegnen sich im Möglichkeitsraum der Literatur. Gedichtzeilen sind eine gemeinsame Sprache ebenso wie die Bibel (auch Della ist die Tochter eines Geistlichen) und der „Hamlet“ – fast unausweichlich, wenn sich zwei Büchermenschen auf dem Friedhof treffen. Am Ende steht, heikel genug, eine Einladung zu Thanksgiving, in ihre kleine Wohnung in einem Schwarzenviertel. „Sie könnten sich ja etwas Mühe geben, das eine Mal.“ – „Ich kann nichts versprechen.“ – Sie sagte: „Oh, das weiß ich.“ Auch Della kennt Jack bereits gut genug.

Und dennoch schließen beide vor Gott einen Ehevertrag, betrachten sich fortan als Mann und Frau, auch wenn sie wissen, dass sie diesen Bund niemals werden leben können. Auch aus der Sicht von Dellas Familie in Memphis handelt es sich um eine fatale Mesalliance: Ihr politisch-religiöses Credo ist eine Segregation als Schutz: Unter den Bedingungen eines rassistischen Systems sind Selbstbestimmung, Bildung und Lebensglück nur in der Abgrenzung von der Welt der Weißen möglich.

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„Jack“ spielt ein paar Jahre vor „Gilead“ und „Zuhause“, in denen von Jack und Della schon erzählt wurde. Faszinierend, wie es Robinson gelingt, die schon in Grundzügen bekannte Story in der Nahsicht zu einem teuflischen Dilemma zuzuspitzen. Jack, der sich, selbstquälerisch und eitel zugleich, für einen notorischen Schadensbringer hält, fürchtet, dass er auch Dellas Unglück wird. Als an ihrer Schule bekannt wird, dass sie mit einem Weißen in wilder Ehe lebt, verliert sie ihre Stelle.

Jacks Selbstbild eines zerknirschten Sünders, der stets zu spät bereut, aber sich nie bessert, wird durch diese objektiv ausweglose Lage zu einer self-fulfilling prophecy. Gerade indem er Della und ihrem Liebesschwur gegen seine eigene Natur treu bliebe, stürzte er sie ins Verderben. Kein Wunder, dass er sich zu Lebzeiten in der Hölle wähnt: „Weit und breit keine Flammen, nur eine Ewigkeit verzagter Selbsterkenntnis. Äußerste Finsternis. Heulen und Zähneklappern.“

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Man muss Marilynne Robinson nicht mehr loben, das haben schon andere getan, am prominentesten Barack Obama. Ihre nun vier Gilead-Romane sind Weltliteratur, nein Welttheater, das die Frage nach Gott und dem Heil des Menschen in einer heillosen Zeit radikal stellt. Im Erzählen wird aus den großen moralisch-theologischen Fragen eine existenzielle Erfahrung, zeitlos und höchst aktuell zugleich. Der Roman heißt „Jack“, doch seine beeindruckendste Gestalt ist Della – eine vorbehaltlos Liebende und unerschütterlich Glaubende, eine reine Seele, fromm und froh und furchtlos. Bei Marilynne Robinson ist zu ahnen, was Gnade heißt.

Marilynne Robinson: „Jack“. Aus dem Englischen von Uda Strätling. S. Fischer, 384 Seiten, 26 Euro

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