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Kopf des Tages „Thorner Blutgericht“ 1724

Den Bürgern wurden erst die Hände, dann die Köpfe abgeschlagen

Weil er den Sturm evangelischer Demonstranten auf ein Jesuitenkolleg in Thorn nicht verhindert hatte, wurde Bürgermeister Rösner und weiteren Bürgern 1724 in Warschau der Prozess gemacht. Das Todesurteil veränderte das Polen-Bild in Europa.
Leitender Redakteur Geschichte
Zeitgenössische Darstellung der Exekutionen des Thorner Blutgerichts Zeitgenössische Darstellung der Exekutionen des Thorner Blutgerichts
7. Dezember 1724: Bürgermeister Johann Rösner und weitere Bürger werden in Thorn hingerichtet
Quelle: Wikipedia/Public Domain
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Der sächsische Kurfürst August I., „der Starke“, ist als großer Charmeur, Mäzen und Barockpotentat in die Geschichte eingegangen. Aber er hatte auch eine andere Seite. Obwohl ihm im Heiligen Römischen Reich das Präsidium im „Corpus Evangelicorum“ zukam, trat er 1697 zum katholischen Glauben über, um seine Chancen bei der polnischen Königswahl zu erhöhen. Mit exorbitanten Bestechungssummen wurde er das auch, ruinierte seine Länder im Großen Nordischen Krieg (1700–1721) und setzte bis zu seinem Tod 1733 auf knallharte Realpolitik, um als August II. König von Polen zu bleiben.

Eines seiner Opfer wurde Johann Gottfried Rösner (1658–1724). Der wohlhabende Kaufmann, der unter anderem eine Schnapsbrennerei betrieb, gehörte zu den Honoratioren der Stadt Thorn (heute Torun) in Westpreußen und amtierte seit 1703 als einer der bis zu vier Bürgermeister der Stadt. 1724 hatte er das Präsidium in diesem Gremium inne. Damit kam ihm eine Schlüsselrolle in einer Affäre zu, die als „Thorner Blutgericht“ in ganz Europa für Empörung sorgte.

Der Kaufmannssohn Rösner hatte das berühmte Gymnasium in Thorn besucht und nach dem Jurastudium in Leipzig und Frankfurt an der Oder die Tochter eines Bürgermeisters geheiratet. Damit stieg er in die besseren Kreise der Stadt auf, die er – so gut es ging – durch die Schrecken des Großen Nordischen Krieges und eine Pestepidemie steuerte.

Die überwiegende Mehrheit der Bürgerschaft hing seit der Reformation dem lutherischen Glauben an. Das machte Thorn wie Danzig (Gdansk) oder Elbing (Elblag) zu protestantischen Zentren im katholisch geprägten Polen. Denn der Westen Preußens hatte sich bereits im 15. Jahrhundert vom Deutschen Ordensstaat gelöst und als „autonomer deutscher Ständestaat unter polnischer Krone“ Polen angeschlossen. Nach der Säkularisation des Ordens 1525 behielt er seine privilegierte Sonderstellung, zu der die freie Religionsausübung gehörte. Das machte Polen-Litauen zu einem Vorbild für Toleranz in Europa.

Aber die Gegenreformation machte auch vor der Adelsrepublik nicht Halt. Nach dem Sieg im benachbarten Ermland nahm der Druck auch auf Thorn zu. In den meisten Kirchen wurde die katholische Messe gelesen. Die Stadt erhielt eine kostspielige Garnison, die Krongarde, sowie ein Jesuitenkolleg, in dem viele Kinder des umwohnenden polnischen Adels zur Schule gingen. Die Bürgerkinder besuchten dagegen das protestantische Gymnasium der Stadt, dessen Fürsorge sich Rösner als ehemaliger Schüler und „Protoscholarch“ mit großer Hingabe widmete.

Johannes Gottfried Roesner, Kupferstich in Jakob Heinrich Zerneckes Thorner Chronik, 1727
Johannes Gottfried Rösner (1658–1724), Bürgermeister von Thorn
Quelle: Wikipedia/Public Domain

Während einer katholischen Prozession am 16. Juli 1724 eskalierte die Situation. Weil sich ein Jesuitenschüler über die Teilnehmer einer evangelischen Beisetzungsfeier echauffiert hatte, wurde er von der Thorner Stadtwache arretiert. Daraufhin entführten seine Kommilitonen einen Schüler des evangelischen Gymnasiums in ihr Kolleg. Umgehend rotteten sich Bürger vor dem Haus zusammen, die von Handwerksburschen, die aus ihren Biergärten zurückkehrten, noch verstärkt wurden.

Rösner versuchte, die Situation zu entschärfen. Seiner Forderung, den Schüler freizulassen, kamen die Jesuiten nach. Der Kommandeur der Bürgermiliz der Stadt aber weigerte sich, den Auflauf zu zerstreuen, und verwies auf einen drohenden Eingriff der Krongarde. Dabei ließ es der Bürgermeister aber bewenden. Schließlich stürmten die Belagerer Schule und Kloster und verwüsteten die Einrichtung. Dabei soll auch eine Marienstatue verbrannt worden sein. Erst das Eintreffen der polnischen Soldaten bereitete dem Spuk ein Ende.

Da die Stadtverwaltung sich offenbar keine Mühe gab, den Rädelsführern den Prozess zu machen, strengten die Jesuiten ein Verfahren beim Hofgericht Augusts II. in Warschau ein. Das entsandte eine Kommission, die 23 städtische Honoratioren festnahm. Das Urteil wurde am 30. Oktober verkündet. Rösner und sein Kollege Jakob Heinrich Zernecke sowie zwölf weitere Bürger wurden zum Tode verurteilt, die Marienkirche als letzte protestantische Kirche wurde den Zisterziensern übergeben, die Hälfte der Ratsherrensitze mit Katholiken besetzt, das evangelische Gymnasium aufgelöst.

August II. der Starke, König von Polen (1697–1706,1709–33), als Friedrich A.I. Kurfürst von Sachsen; Dresden 12.5.1670–Warschau 1.2.1733. Porträt. Alte Kopie, nach 1718, nach Gemälde von Louis de Silvestre (1675–1760). Öl auf Leinwand, 79 × 64 cm. Dresden, Gemäldegalerie, Alte Meister.
August II. (1670–1733), König von Polen
Quelle: picture alliance / akg-images

Zunächst sah es so aus, als würden die Hinrichtungen ausgesetzt. Umgehend freigelassen wurde, wer zum Katholizismus übertrat. Rösner erbat sich Bedenkzeit, erklärte aber schließlich seinen Richtern: „Vergnüget Euch mit meinem Kopf, die Seele muss Jesus haben.“ Gleichwohl soll er noch auf seinem letzten Gang auf eine Begnadigung durch den König gehofft haben.

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Er hoffte vergeblich. Vor dem Thorner Rathaus war ein Gerüst errichtet worden, vor dem am 7. Dezember polnische Soldaten Aufstellung nahmen. Mit Rösner waren es noch zehn Verurteilte, die das Schafott bestiegen. Dort wurden ihnen vor den Augen der entsetzten Bürgerschaft zunächst die Hände, dann die Köpfe abgeschlagen.

„Die barbarischste Nation Europas“

Wenn August der Starke geglaubt hatte, ostentative Glaubensstärke würde seine Stellung festigen, sah er sich bald getäuscht. Für die europäische Öffentlichkeit wurde das „Thorner Blutgericht“ an Rösner und seinen Mitangeklagten umgehend zu einem Beweis für anachronistische Intoleranz. Hunderte Zeitungsartikel und Flugschriften prangerten die atavistische Gewalttat an, die man Generationen nach Ende des Dreißigjährigen Krieges nicht mehr für möglich gehalten hatte.

Polens Rivalen gewannen ein schlagkräftiges Argument. Zar Peter der Große nannte Polen „die barbarischste Nation Europas“. Georg I. von England protestierte in Warschau und vor dem Reichstag in Regensburg. Der preußische König Friedrich Wilhelm I. erwog sogar eine Kriegserklärung gegen das Nachbarland. Von Polen verfestigte sich das Bild von einem „ungeschichtlichen Raum, in dem Wildheit und Intoleranz herrschten“, schreibt der Osteuropa-Historiker Martin Schulze Wessel.

Die Wirkung bewies kein Geringerer als der Aufklärer Voltaire, der mit Hinweis auf das „Thorner Blutgericht“ ausgerechnet in der russischen Armee einen Garanten für Glaubensfreiheit in Polen sah. Als das Zarenreich, Österreich und Preußen 1772 zum ersten Mal Polen unter sich aufteilten, erklärte der Franzose dies zu einer Bahnbrechung der Toleranz.

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